We are specialized!

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Montag, 20. Juni 2016

3-Stunden-Rennen Biebergemünd-Roßbach: Das TEAM zählt!

Der Sommer will sich in diesem Jahr einfach nicht so richtig durchsetzen. Deswegen lautete das Motto der letzten zwei Wochen Trainingswochen: Regenpausen nutzen, irgendwie zwischen zwei Schauern die Einheiten absolvieren oder alternativ einfach kurz und hart Intervalle am nahen Hausberg fahren. Und dabei bloß nicht allzu weit von zu Hause entfernen. So fiel bisher auch das selbst gesteckte Juni-Ziel einer 115 km-Tour ins Wasser.

 
 
Am letzten Samstag stand dann nach zwei rennfreien Wochenenden ein besonderes Event an: Das 3-Stunden-Rennen in Biebergemünd-Roßbach. Da ich den großen Vorteil genieße, dass mein Lieblingsmensch genauso (oder eher noch etwas mehr) bike-verrückt ist wie ich, bot es sich an, in einem Zweier-Mixed-Team zu starten.
 
Es trug sich zu, dass im Vorfeld von Freunden, Bekannten, Verwandten und sonstigen Personen eine ambitionierte Erwartungshaltung bezüglich unserer Platzierung aufgebaut wurde und wir so natürlich einen leichten Druck verspürten, diese Erwartungen zu erfüllen. :)
Wenn gleich die Wettervorhersage andere Aussichten bereithielt, war ich auf der Autofahrt zunächst optimistisch gestimmt, dass die bereits den ganzen Tag über anhaltende Trockenheit auch beim Rennen (Start war erst um 18 Uhr) andauern würde. Leider wurde dieser Optimismus kurz vor Frankfurt durch einen plötzlichen Platzregen weggespült. Dieser – von meinem Lieblingsmenschen liebevoll als „kurzer Schauer“ titulierte Dauerstarkregen – endete leider auch nicht, als wir das Örtchen Roßbach im Spessart erreichten. Der Regen war so heftig, dass wir es zunächst nicht wagten bis zur Anmeldung und Abholung der Startunterlagen vorzudringen. Ich nutzte die Wartezeit, um mich darüber auszulassen, dass mein geliebtes Rad nun bereits schon vor dem Start dreckig sei und dabei hatte ich es am Vorabend extra noch mit einem Carbon-Hochglanz-Reiniger verwöhnt. Irgendwann schließlich erbarmte sich der Himmel, den Ausguss seiner Regenmassen zu stoppen und wir konnten das Auto verlassen. Eine orts- und wetterkundige Anwohnerin richtete ihren Blick gen Himmel und versicherte, dass das schlechte Wetter immer von Westen käme. Ich ließ den Blick nach Westen schweifen und was sah ich: Blauer Himmel. Na also, geht doch. Was ich noch sah, waren Unmengen tieffliegender Flugzeuge, die minutenweise den Ort passierten. Einflugschneise Frankfurter Flughafen – die armen Bewohner. Ich war schon nach kurzer Zeit genervt, die Roßbacher müssen diesen Lärm immer ertragen.
 


Bis zum Start hatten wir noch Zeit und konnten uns in aller Ruhe eine Taktik zurechtplanen, die Kohlenhydratspeicher füllen und die Konkurrenz abchecken. Bei der Strecke handelte es sich um eine selektive 5-Kilometer-Runde, die es 3 Stunden lang zu passieren galt. Wie sich die Fahrer dabei abwechselten, war jedem Team selbst überlassen.  

Den Start überließ ich meinem Lieblingsmenschen, damit er sich eine gute Ausgangsposition erarbeiten konnte. Ich begab mich nach dem Warmfahren in die Wechselzone und überlegte, wie der Wechsel am schnellsten vonstattengehen könnte. Denn beim Wechsel mussten die letzten Meter zu Fuß absolviert und der Transponder, der am Fußgelenk getragen wurde, überreicht werden. Beim ersten Wechsel klappte dies noch nicht so zügig. Irgendwie das Klettband vom Transponder lösen, dabei die Räder halten und ab aufs Rad. Ich ging in meine erste Runde. Die ersten paar hundert Meter ging es, eine von vielen Zuschauern gesäumte, Teerstraße hoch, bevor die Strecke dann auf einen Wiesenweg abbog. Ein sich anschließender steiler Anstieg markierte den Übergang in den Wald. Nach einem flowigen Trail ging es über ein schmales Wiesenstück über den Radweg zurück in die Wechselzone. Die Strecke war bereits von den vielen Fahrern und dem Regen der letzten Wochen gezeichnet. Von Runde zu Runde wurden die Schlammpfützen tiefer und größer, die steilen Stücke zu Schiebepassagen und der Trail rutschiger. Das Rad musste nach jeder Runde vom groben Dreck gereinigt werden, da ansonsten kein Schaltvorgang mehr möglich gewesen wäre.



Wir lieferten uns einen Kampf mit dem Mixed-Team von Focus Rapiro Racing, der Vorsprung schwankte immer mal wieder. Nach 1,5 Stunden verhieß der Blick nach Westen am Himmel nichts Gutes: Eine dunkle Regenfront war im Anmarsch. Ich dachte mir „Was passiert eigentlich im Falle eines Gewit…“ Oh noch nicht zu Ende gedacht und schon durchzuckte der erste Blitz den Himmel am Horizont. Leichte Panik vor einem drohenden Rennabbruch, jetzt, wo es gerade so gut läuft und wir über 4 Minuten Vorsprung herausgefahren hatten. Es dauerte noch rund fünfzehn Minuten und einiges an Hoffnung, dass die Front vielleicht doch vorbeizog, bis die ersten Tropfen niederprasselten. Jetzt hieß es also Zähne zusammenbeißen, Fahrtechnik kontrollieren und durchziehen.

Ich persönlich finde den Moment, in dem das Wasser von oben in die Schuhe läuft immer am Schlimmsten, doch dann ist eigentlich auch alles egal. Das Rennen entwickelte sich zum Kampf gegen mich selbst und vor allem gegen die fiese Witterung. Um 20:58 Uhr beendeten wir schließlich unsere 14. Runde und konnten uns mit einer Runde Vorsprung über den Sieg in der Mixed-Klasse freuen. Insgesamt waren wir sogar das zweitschnellste Team mit nur einer Minute Rückstand auf das Zweier-Männer-Team. Und dann gibt es plötzlich nichts Schöneres, als schlammig, dreckig und abgekämpft den Moment des Erfolges zu genießen. Das kurze Leiden ist dann ganz schnell vergessen. Und das Leben beginnt schließlich auch außerhalb der Komfortzone! Teamrennen sind wirklich ein besonders schönes Erlebnis - denn geteilte Freude ist doppelte Freude.
 


In diesem Sinne: Keep on riding,

Vanessa

Zitate des Tages:

„Oh cool, die T-Shirts sind ja Nilpferd-Blau.“
                „Nilpferde sind NICHT blau.“

„Was machen wir bei einem Gewitter?“
               „Als gefahren!“

„Seid ihr auch in echt ein Paar?!?“

„30-er Schnitt wäre gut.“

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
    
 

Sonntag, 19. Juni 2016

Stüken Wesergold Cup Rinteln - XC oder was?

Am vergangenen Sonntag stand zum dritten Jahr in Folge der Stüken-Wesergold-Cup in Rinteln auf dem Programm. Nach einem Sieg im ersten Jahr und einer beispiellosen Pannenserie im letzten Jahr wartet man nun gespannt ab, wie es in diesem Jahr für mich ausgehen wird. Also machen wir uns am frühen Sonntagnachmittag – ja, wirklich am Nachmittag! – auf den Weg. Doch es nieselt bereits als wir das Haus verlassen und auf der 1,5 stündigen Fahrt wird das Wetter von Kilometer zu Kilometer schlechter. Während ich mir bei den ersten heftigen Schauern noch sage, dass es in Rinteln bestimmt nicht mehr regnet, wird mein Gesicht immer länger, als der Regen stärker wird. Kurz vor dem Ziel erreicht uns dann ein Platzregen, der alle Autofahrer zum Anhalten zwingt. Weder mein Lieblingsmensch noch ich hatten jemals so einen Platzregen erlebt. Die Autos stehen mit Warnblinklicht auf der Straße, die Umgebung verschwindet hinter einer Wasserwand und wir haben allen Ernstes vor, gleich auf Kopfsteinpflaster ein XC-Rennen zu bestreiten. Schließlich können wir unseren Weg dann doch fortsetzten, nur um festzustellen: hinter der nächsten Kurve liegt bereits Rinteln und geregnet hatte es hier bis dato kaum. Puh.
Als Entschädigung für diese nervenaufreibende Fahrt finden wir einen Parkplatz direkt am Stadtwall, der heute als Wettkampfort rangiert. Auf dem Weg zur Nennstelle holt uns der Regen dann doch ein, aber als ich mein Starterpack in der Hand halte gibt es endgültig kein zurück mehr. Mit Kapuze und Regenschirm bummeln wir durch die malerische Rinteler Altstadt an der Strecke entlang und jubelen wahllos irgendwelchen Fahrern zu. Wie im XC üblich gibt es mehrere Rennen, die nach Wettkampfklassen getrennt starten. Bevor wir als Lizenzklasse den Renntag abschließen würden, hatten sich bereits die Bambinis, die Junioren und verschiedene Hobbyklassen über die 2,8 Kilometer lange Strecke gekämpft.
Auf dem Weg zum Auto treffen wir neben einer Menge namenhafter Konkurrentinnen mit beängstigenden Profiausrüstungen auch alte Bekannte und freundliche Unbekannte. Ich versuche mir möglichst viele Infos über die Fahrbarkeit und die Optimallinien der Strecke zu besorgen und höre stets aufmerksam zu, wenn der Rennverlauf beschrieben wird. Im Großen und Ganzen hat der Regen die Streckenanteile auf dem grasbewachsenen Wall nicht beeinflusst, während man auf dem Asphalt- und Kopfsteinpflaster-Anteil, sowie auf den Gerüstrampen, trotz guter Bereifung keinen sicheren Halt mehr hat. Dies wissen allerdings auch die Organisatoren und bauen kurzfristig für die letzten beiden Rennen des Tages die Strecke um.
Je mehr Infos ich allerdings bekomme, desto nervöser werde ich. Bad Bikers-Trikot an, Startnummer an den Lenker, Flasche ans Rad und auf geht’s zum Warmfahren. Ich rolle zum nächstbesten Streckenposten und frage freundlich nach, ob ich mich auf der Strecke warmfahren darf. Er weist mich ebenso freundlich darauf hin, dass zwar gerade ein Rennen läuft, ich aber gern auf die Strecke darf. Natürlich nur, wenn ich rücksichtsvoll und aufmerksam sofort Platz mache, falls das Feld in Sicht ist. Nachdem ich ihm dies versichert habe schaue ich noch einmal rechts und links und schwinge mich dann auf mein Bike. Der Streckenverlauf am Wall beschränkt sich in erster Linie auf eine Art Zick-Zack-Kurs: Wall hoch, Wall runter, hier eine Spitzkehre, hier eine Kurve, da eine Wurzel. Einmal um ein Denkmal, rauf, runter. Weiter steil runter an einen Teich, über eine Brücke, eine steile Rampe hinauf. Und dann wieder Wall rauf, Wall runter. Dann verlässt man den Stadtwall und kann eine Runde in der Innenstadt Gas geben. Eine kleine Holzrampe an der Zeitnahme markiert Anfang und Ende einer Runde. Läuft, alles gefahren.
Aber die Konkurrenz verunsichert mich. So viele bekannte Gesichter, soviel Rennerfahrung, die mir fehlt, soviel Ehrgeiz liegt in der Luft. Als ich dann noch unangenehm von der Seite angequatscht werde, bin ich völlig raus. Ich habe mich immer noch nicht wieder richtig gefangen als ich schließlich, um kurz vor 5, am Start stehe. Da das Feld zwar nicht sehr groß, aber sehr schnell ist, stelle ich mich freiwillig in die letzte Reihe. So muss ich mir dann wenigstens nicht anhören jemand behindert zu haben. Auf einmal fehlt mir die Hobbyliga mit ihrem Gelächter im Startblock und ich fühle mich völlig fehl am Platz. Das könnte eine lange Rennstunde werden.
Als der Startschuss fällt, ist alles vergessen, mein Körper weiß, was er zu tun hat. Ich überhole zwei Fahrerinnen direkt vor der ersten Kurve und komme gut über die Brücke, die den Eingang zum Wall markiert. Ich hänge mich hinter einen Fahrer im orangen Trikot. So vergeht Runde um Runde relativ ereignislos. Ich werde weder überholt noch überhole ich, den Fahrer im orangenen Trikot habe ich stets im Blick, die Zeit auch. Von Runde zu Runde fahre ich etwas riskanter, schneide hier die Kurve, nehme hier die Spitzkehre etwas enger, bremse weniger ab. Es läuft eigentlich ganz gut.
In Runde 5 wird mein Flow dann allerdings durch einen Sturz aus dem Rhythmus gebracht. Ich habe keine Ahnung, was eigentlich passiert ist und warum ich den Asphalt küsse, aber es ist halt passiert. Hinfallen, aufstehen, Tacho den Zuschauern zu werfen, weiter geht’s. Für eine umfangreiche Schadensanalyse ist keine Zeit, meine letzte Runde läuft.
Letzte Runde? Falsch gedacht! Ich darf/muss noch eine weitere Runde fahren. Alle Fahrer die nun hinter mir den Start/Ziel-Bereich durchqueren, werden bereits angehalten, denn die Stunde ist vorbei. Ich fahre also eine weitere Runde mit dem orangenen Trikot vor mir durch den XC Parcours, wohl wissend, dass sich jetzt nicht mehr viel ändern wird. Im Ziel bekomme ich eine Medaille, eine Flasche Saft und meinen Tacho gereicht, den Gott sei Dank jemand für mich mitgenommen hat. Trotz dass das Rennen an sich gut für mich lief bin ich frustriert und möchte nur noch nach Hause. Beim Umziehen machen wir einen kurzen Apres-Sturz-Check: Schürfwunde am Ellenbogen, Schürfwunde am Schienbein und eine ordentliche Schürfwunde am Oberschenkel. Dazu möchte ich sagen: Mein kompletter Oberschenkel ist eine einzige Schürfwunde, meiner Trikothose allerdings ist nichts anzusehen. Das ist „Protective“-Qualität!
Im letzten Moment fällt uns ein, dass meine Lizenz immer noch in der Nennstelle liegt. Also schlendern wir wieder zurück auf den Marktplatz, wo ich meine Lizenz und 60 Euro bekomme. 60 Euro? 60 Euro! Das ist das Preisgeld für den 5. Platz, den ich heute dann doch noch rausgefahren habe.
Alles in allem ein durchwachsener Renntag. Meine Beine fahren halt lieber Marathon und quälen sich über Stunden hinweg, um am Berg alle in Grund und Boden zu fahren. Im XC ist aber eine Stunde Vollgas angesagt, was meine Beine aber nicht wussten. Dazu bin ich immer noch auf der Suche nach dem Killer-Ehrgeiz-Einzelkämpfer-Instinkt, den scheinbar spätestens jetzt in der Lizenz alle außer mir besitzen. Erfahrungen habe ich auf jeden Fall gewonnen, Form ist auch gut, Fahrtechnik top, Preisgeld super.
Und irgendwann stehe ich auch mal wieder auf dem Podest.

Keep on riding,


 Evelyn

Freitag, 3. Juni 2016

Viva Willingen! - Das Bikefestival in Willingen (von Evelyn)

Nachdem ich schon im letzten Jahr das bestechende Flair des Bikefestivals in Willingen genießen konnte stand dieser Termin auch in diesem Jahr wieder auf meinem Rennplan. 
Und nach fast einem Monat ohne Startnummer am Lenker war es auch mal wieder Zeit ins Renngeschehen einzugreifen.
Denn die Wochen davor hatten sich für mich schwierig gestaltet. Statt Kilometern oder Höhenmetern sammelte ich fleißig Taschentücher, statt Shakes gab es Tee und statt Training nur das Sofa: eine Mandelentzündung hatte mich niedergestreckt und forderte nun absolute Ruhe. Doch die Woche vor dem besagten Wochenende durfte ich wieder ins Training einsteigen. Leider muss ich bereits  am ersten Anstieg feststellen: es läuft noch nicht wieder so richtig. Ich verschob den Trainingsstart also auf die Woche nach dem Bikewochenende in Willingen und schonte meinen Körper im Hinblick auf den Marathon am Samstag.

Und am Freitagnachmittag ging es dann auch endlich los. Zusammen mit meinem Lieblingsmenschen, meinem geliebten Bike und acht bis zehn Taschen lebenswichtigem Equipment machten wir uns auf den Weg ins Sauerland. Erster Halt: unser heutiges Quartier, die Jugendherberge in Brilon. Einchecken, die Information zur Kenntnis nehmen, dass die Räder in den offen zugänglichen (!!!) Trockenraum kommen, überzeugend lächeln und denken: das werden wir ja sehen.

Der nächste Halt ist dann Willingen. Wieso wir nicht in Willingen nächtigen? Weil ich mich wohl doch etwas spät um eine Unterkunft bemüht habe. Woher sollte ich denn wissen, dass es so viele Biker nach Willingen zieht? Achso, war offensichtlich.

Den Nachmittag verbringen wir auf dem abwechslungsreichen Expogelände.  Wir holen mein Starterpaket und meine coole Startnummer ab, sichten den umfangreichen Inhalt und machen uns dann auf die Suche nach Schnäppchen. Am Ende habe ich zwar immer noch keine Powergels und –riegel, dafür aber neue Handschuhe und eine neue Racebrille. Läuft doch. 






Der nächste Punkt auf meiner Liste ist die Eindeckung mit Nahrungsmitteln für das morgige Campingfrühstück. Im Supermarkt, der praktischerweise nur über die Straße gelegen ist, sind heute Biker jeder Liga anzutreffen. Marathonfahrer mit Quark und Haferflocken. Enduro-Fahrer mit Energydrinks und Chips. Downhillfahrer mit Alkohol und Grillgut. Ich werde prompt darauf hingewiesen, dass Schokocrossaints ungesund sind. Sehe ich selbst mit Flatcap, schwarzer Sonnenbrille und Kettenwixe-Tshirt so sehr aus wie ein Marathon-Streber?
Einen Gang weiter treffen wir uns wieder. Er bei der Sauce Hollondaise, ich mit Weintrauben. Und so fängt er sich einen Spruch zum Thema Kalorien- und Fettreserve ein, allerdings mit dem selben Augenzwinkern wie er zuvor bei mir.

Es geht zurück nach Brilon, wo wir uns in einer Pizzeria für den morgigen Tag stärken. Dabei werden minutiöse Pläne geschmiedet, die allerdings einen Haken haben: wie man es dreht und wendet, um 04:30 muss der Wecker klingeln. Mit diesem Hintergedanken sind wir früh zurück in unserer Jugendherberge, wo ich allerdings erleichtert feststelle, dass die Rezeption schon nicht mehr besetzt ist. Also ab das Bike aus dem Kofferraum holen und die Treppen hoch tragen, bis in den dritten Stock. Dem Himmel sei Dank für Carbon.

Nach einer kurzen Nacht in einem für zwei Personen sehr engen Bett, dafür aber mit Blick auf mein Bike, raffen wir uns am morgen dann wirklich auf. 04:30 Uhr aufstehen, 05:00 Uhr los fahren, 05:17 Uhr Ankunft. So richtig wach bin ich immer noch nicht, aber in 1,5 Stunden ist schon die Startaufstellung vorgesehen.

Auf dem regennassen Parkplatz breiten wir unsere Picknickdecken aus und frühstücken ausgiebig. Also so ausgiebig wie man eben mitten in der Nacht so frühstückt. Also eigentlich gar nicht, aber irgendwo muss die Energie ja herkommen, wenn auch nicht aus dem schwächelnden Körper.

Mittlerweile füllt sich der Parkplatz und das Renn-Kribbeln kommt zurück. Trikot an, Startnummer ans Rad und auf geht’s zum Warmfahren. Während ich so meine Runden drehe habe ich einen tollen Blick auf das Gelände: die Bike-Expo, die Seilbahn, die nebeligen Wälder rings um Willingen. Es hat in der Nacht ordentlich geregnet, doch bereits jetzt deutet sich an, dass es ein schwül-warmer Tag werden wird.

Das riesige Starterfeld des größten Marathons in Deutschland ist in vier Startblöcke aufgeteilt. Zuerst starten A und B, dann eine halbe Stunde später C und D. Meine Startnummer verrät allen nicht nur meinen Namen, meine Nationalität und mein Team, sondern auch dass ich das Privileg habe, im Startblock A zu starten. Im letzten Jahr stand ich im Startblock B, von wo aus ich einen ehrfürchtigen Blick auf die Starter des ersten Startblocks geworfen habe. Und jetzt stehe ich hier, mit den echten Stars der Marathonszene und fühle mich etwas fehl am Platz. Gott sei Dank habe ich, wie durch Zufall bei den sanitären Anlagen, meine Mitfahrerin Dani getroffen, die nun neben mir im sich füllenden Startblock steht. Als wir uns in die Startzone begaben gingen wir davon aus, nun am relativen Ende von Startblock A zu stehen. Nur leider kam gut die Hälfte der Starter erst nach uns und stellte sich hinter uns auf. Schlussendlich standen wir also irgendwo im vorderen Drittel des stärksten Startblocks. Oha.

Für mich kam heute ohnehin nur die „Kurzstrecke“ in Frage. 54 Kilometer, fast 1500 Höhenmeter. Im Sauerland ist jeder normale Mountainbikemarathon schon krass, aber Willingen ist auf vielerlei Weisen legendär.

Noch eine Minute. Die Musik wird lauter, epischer, mitreißender. Ich habe bestimmt bereits jetzt einen 120er Puls. Noch 30 Sekunden. Oh Gott, was tue ich hier. Noch 10 Sekunden. Einklicken. Und los. Erstaunlicherweise kommen wir wirklich gut weg und erreichen nach der ersten Abfahrt in die Stadt sicher den ersten Anstieg. Jetzt heißt es nicht zu schnell, aber so zügig wie möglich durchkommen.  Die Taktik von Dani und mir ist simpel: Zusammenbleiben und Kräfte aufteilen.  Und das läuft am Berg Bombe.

Die erste Abfahrt kommt viel zu früh in Sicht, denn das Feld ist immer noch sehr dicht. Ich sehe vor mir einen Sturz, der mir die Haare zu Berge stehen lässt. Ganz ruhig. Doch dann werde ich unsanft überholt, selbstverständlich ohne Ansage. Der Fahrer streift meinen Arm, bleibt an meinem Lenker hängen und geht über den Lenker. Ich strauchle natürlich auch und mache eine Vollbremsung, um den Gestürzten nicht zu überrollen. Statt mich zu fragen, ob ich vielleicht verletzt bin oder sich gar zu entschuldigen, rennt der Fahrer einfach drauf los und springt wieder auf sein Rad. Na vielen Dank. Dieses Manöver hat Zeit und Nerven gekostet. Dani wartet an der nächsten Ecke auf mich und gemeinsam geht es weiter. Bis zum nächsten Downhill. Wieder werde ich ohne Ansage überholt, wieder erwischt der Fahrer mich, wieder straucheln wir, diesmal beide mit Bodenkontakt. Diesmal kann ich mich nicht zurück halten und fluche laut drauflos. Gegen das Überholen an sich ist natürlich nichts einzuwenden, aber ohne Ansage und an den steilsten Stellen ist es meiner Meinung nach einfach nur eine Gefahr für alle Beteiligten. Ich bin schon jetzt bedient von jedem abschüssigen Trail und von der Startermasse, die absolute Konzentration erfordert. Und am nächsten Anstieg kommt dann das eigentliche Problem zum Vorschein: Ich bin einfach noch nicht wieder fit. Mir fehlt die letzte Kraft, um mich heute durchzubeißen. Zudem habe ich die Startliste gesehen und weiß: bei dieser (internationalen) Konkurrenz ist heute ohnehin nichts zu machen. Deshalb schalte ich vom Renn- in den Überlebensmodus.

Es geht weiter. Berg hoch, Berg runter, über Straßen, Forstautobahnen und viele feuchte Trails. Dani und ich haben ein fast völlig identisches Tempo und passen uns automatisch an den jeweils anderen an. So tauschen wir neben Motivationen, Flüchen und Kilometerständen auch einfach Persönliches aus.

Nach 27 Kilometer erwartet uns am Edersee die Verpflegungsstation, wo wir uns im Vorbeifahren einen Becher Iso in die Hand drücken lassen. Auf geht’s in die zweite Streckenhälfte. Dank unserer guten Einteilung haben wir noch genug Kraft und kommen weiter gut voran. Kurz vor Kilometer 30 taucht dann allerdings das nächste Problem auf. Mein Bautenzug ist gerissen, sodass ich nur noch sehr begrenzt Zugriff auf meine Schaltung habe. Na toll, und das auch noch im höhenmeterlastigen Sauerland.  Allein wäre spätestens hier, demoralisiert, schwächelnd und nun auch noch technisch eingeschränkt, Schluss gewesen. Aber diese Rechnung habe ich ohne Dani gemacht, die mich auf jeden Fall mit über die Ziellinie schleppen will. Also fahren wir weiter. Auf den wenigen flachen Abschnitten, wo man so schön Tempo machen könnte, muss ich mit einer gefühlt 2000er Trittfrequenz irgendwie voran kommen, dafür läuft es am Berg immer noch ganz gut.

Als dann endlich die Skisprungschanze in Sicht kommt, sind wir dann aber doch am Ende. Der letzte Anstieg hoch in den Downhillpark steht an. „Los, nochmal Gas geben“ rufen die Zuschauer uns aufmunternd zu. Gas geben?? Nicht absteigen und schieben oder nicht umfallen sind eher meine Ziele. Doch wir schaffen es. Dank Danis unbändigen Optimismus. Und da ist es: Das Ziel. Wir rollen gemeinsam in den Zielbereich, Hand in Hand natürlich und feiern uns, als hätten wir gerade den Weltcup gewonnen.

Eigentlich wollte ich ja gar nicht mehr auf die Ergebnisliste schauen, um mich nicht total zu demotivieren. Tue ich aber dann doch. Insgesamt hat es bei mir heute für Platz 17 bei den Frauen gereicht. Klingt erstmal grausam, aber von 102 Frauen, die teilgenommen haben, ist das eigentlich ziemlich gut.  Die Beine waren gut, die Ausdauer ist auch da, aber die Kraft lässt zu wünschen übrig, was der zeitlich unpassenden Mandelentzündung geschuldet ist. Mir hat einfach noch die Power gefehlt, die man für ein Rennen braucht. Die Explosion nach dem Kribbeln am Start.

Aber die Saison ist ja noch lang. Jetzt heißt es voll auskurieren und trainieren, trainieren, trainieren.
 
An dieser Stelle möchte ich nochmal Danke sagen. Danke an Dani, die mich ins Ziel motiviert hat. Es hat wieder sehr viel Spaß gemacht mit dir zu racen! Danke an Vanessa für die lieben Worte und Aufmunterungen!
Und danke an meinen allerliebsten Lieblingsmenschen für die Rennbetreuung!

Keep on riding,

Evelyn

Zitate des Tages:

"Oh schau mal, ein Insektenhotel!
- so ist es richtig, wir freuen uns auch über die kleinen Dinge im Leben!"

"Da ist er wieder, der Spiderman! Kannst du auch nicht mehr oder atmest du immer so?"

"Wo ist denn hier mein technischer Support?" 










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